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Reflexion von Ritualen und Traditionen
Dieser Leitfaden soll Leitungs- und Begleitpersonen in der Jubla zur Reflexion anregen und bietet Denkanstösse, mit deren Hilfe bestehende Rituale und Traditionen hinterfragt werden können. Die Reflexionsfragen sind geeignet für Besprechungen in Kleingruppen von Leitungspersonen – sei dies zu zweit, im gesamten Leitungsteam, gemeinsam mit dem*der Präses, Schar- oder Lagerleitung, als Vorbereitung auf ein bevorstehendes Lager oder auch zur Reflexion in Kursen.
Die Jubla lebt von Ritualen und Traditionen
Die Jubla ist eine Lebensschule. Sie ist ein Ort, wo sich Menschen mit ihren unterschiedlichen Eigenschaften und Fähigkeiten einbringen und gemeinsam wachsen. Das geschieht in einem sozialen Miteinander, in dem Kontakte geknüpft, Beziehungen gepflegt, aber auch Konflikte miteinander bearbeitet werden.
Die Jubla lebt von vielen Ritualen und Traditionen, die das Scharjahr oder das Lager prägen. Oft wird eine Jubla-Tradition weitergetragen, “weil man es schon immer so gemacht hat”. Dies, obwohl der Sinn dahinter nicht mehr klar oder die Freude daran verschwunden ist. Von Zeit zu Zeit macht es daher Sinn, das Bisherige zu überdenken und zu überprüfen. Danach entscheiden die Leitungspersonen gemeinsam, welche Gewohnheiten in die Jubla-Zukunft weitergetragen werden und an welchen Stellen Zeit für Veränderung ist. Dieser Leitfaden soll dazu anregen, bisherige Rituale und Traditionen zu reflektieren und allenfalls Veränderungen anzustossen. Zunächst werden nachfolgend die Begriffe Ritual und Tradition definiert und mit Beispielen aus der Jubla veranschaulicht.
Definition und Bedeutung von Ritualen in der Jubla
Bedeutung von Ritualen und Traditionen
Ritual
Als Ritual wird eine wiederkehrende Handlung bezeichnet, die eine symbolische Bedeutung hat. Ein Ritual kann von einer Einzelperson oder auch von Gruppen durchgeführt werden.
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Rituale und Regeln in der Gruppe
Tradition
Als Tradition wird ein Ritual dann bezeichnet, wenn es über die Zeit und über die (Jubla-)Generationen hinweg weitergegeben wird.
Beispiele für Rituale und Traditionen in der Jubla
Zu den Ritualen und Traditionen in Jungwacht Blauring zählen beispielsweise das gemeinsame Singen am Lagerfeuer oder die Taufe von neuen Leitungspersonen. Im Sommerlager werden vielleicht Morgen- oder Abendrituale ausgeführt. Und zu den wiederkehrenden Ritualen zählen auch die Höcks, die Gruppenstunden oder bestimmte Scharanlässe, die traditionell jedes Jahr stattfinden. Viele Jubla-Scharen planen in jedem Lager wieder ein paar ähnliche Mottotage wie in vorigen Jahren ein, zum Beispiel eine Wanderung, ein Wellness-Tag, ein Gruppentag, eine Nachtübung oder den «Bunten Abend». Die Aufnahmefeier von neuen Kindern oder neuen Hilfsleitenden oder ein Abschiedsritual beim Verlassen der Schar sind weitere Beispiele für Rituale – sie symbolisieren in der Jubla einen Übergang.
Die Funktion von Ritualen und Traditionen
Rituale und Traditionen fördern das Zugehörigkeitsgefühl und die Gruppenidentität. Durch ihre Wiederholung geben Rituale und Traditionen Halt und eine vorhersehbare Struktur. Damit erfüllen sie mehrere menschliche Grundbedürfnisse. Allfällige Nachteile von Ritualen und Traditionen sind allerdings, dass sie manchmal einzelne Jubla-Personen oder Aussenstehende ausschliessen, neue Ideen blockieren oder auf die Einzelnen Druck ausüben. Dies geschieht, wenn sie zum “Zwang” werden, wenn ein Erwartungsdruck entsteht, dass alle daran teilnehmen müssen. Oder dies geschieht auch dann, wenn negative Konsequenzen für diejenigen drohen, die eine Tradition ablehnen, etwa weil für sie, eine Grenze überschritten wird. Manchmal verlieren Rituale mit der Zeit ihre ursprüngliche Bedeutung und werden dann nur noch aufgrund der Gewohnheit durchgeführt.
In der Jubla soll es ein Ziel sein, dass sich möglichst alle Teilnehmenden mit den Ritualen und den Traditionen in der Jubla psychologisch sicher und wohl fühlen. Tendenziell ist das dann der Fall, wenn möglichst alle fünf psychologischen Grundbedürfnisse erfüllt sind. Gemeint sind die psychologischen Grundbedürfnisse nach Klaus Grawe (2004) - Bindung, Selbstwert, Orientierung und Kontrolle sowie angenehme Gefühle - plus das Grundbedürfnis nach Sicherheit gemäss Maslow (1954). Diese fünf Grundbedürfnisse werden nachfolgend beschrieben.1
Die fünf psychologischen Grundbedürfnisse als Voraussetzung für positive Rituale
In der Psychologie werden die folgenden fünf Grundbedürfnisse beschrieben:
Das Bedürfnis nach Bindung (vertrauensvolle Beziehungen zu anderen Menschen):
Dich verstanden, verbunden und zugehörig fühlen. «Gesehen werden». Menschen haben, zu denen du Vertrauen hast, dich sicher und geborgen fühlst. Miteinander Dinge erleben, zusammen lachen, dich aber auch über schwierige Situationen mit anderen austauschen und einander um Rat fragen können. Zusammenhalten, nicht ausgeschlossen werden, dich nicht allein fühlen.Das Bedürfnis, den Selbstwert zu stärken (Wertschätzung und Anerkennung):
Dich wertvoll, angenommen, wertgeschätzt und gesehen fühlen, für alles, was du tust (Fähigkeiten, Handlungen, Leistungen) und was du bist (mit deinen Charaktereigenschaften und deinen persönlichen Stärken). Dich nicht abgewertet, beschämt oder ignoriert fühlen. Dein Selbstwert wird dadurch beeinflusst, wie andere dich wahrnehmen und auch, wie du selbst dich siehst. Das Gefühl, in Ordnung zu sein, so wie du bist.Das Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle (informiert sein und mitwirken können):
Über Pläne und Ereignisse informiert sein und dich darauf einstellen können. Dich auf Gewohnheiten verlassen können. Über Veränderungen informiert sein, damit du dich vorbereiten und dich bei Bedarf abgrenzen und «Stopp» sagen kannst. Dich nicht machtlos, überrumpelt oder ausgeliefert fühlen, sondern mitgestalten, mitentscheiden und etwas bewirken können.Das Bedürfnis, dich gut zu fühlen (Freude, Energie und Lebendigkeit):
Freude haben, dich wohl fühlen, energievoll und lebendig sein. Dich nicht über längere Zeit unangenehm (beispielsweise traurig, verärgert, schuldig, beschämt, überfordert oder frustriert) fühlen. Dinge tun, die dir Spass machen und dich in einen «Flow» bringen. Nach freudvollen Erlebnissen streben.Das Bedürfnis nach Sicherheit (sicher und geschützt fühlen):
In Sicherheit sein und dich sicher fühlen. Dich beruhigen und entspannen können. Zum Sicherheits-Bedürfnis zählen die soziale, die emotionale und die körperliche Sicherheit. Dich auf die anderen verlassen können (soziale Sicherheit), nicht Angst haben müssen, nicht beschämt zu werden, sondern angenommen und akzeptiert zu werden (emotionale Sicherheit) und von physischen Gefahren wie Kälte, Hunger, Durst, Gewitter oder auch vor Gewalt, vor körperlichen Gefahren und vor Krankheitserregern geschützt zu sein (körperliche Sicherheit). Das Bedürfnis nach Sicherheit ist umfassend und übergreifend, es schliesst die anderen vier Bedürfnisse mit ein.
Wenn diese fünf Grundbedürfnisse beim Durchführen von Ritualen und Traditionen nicht berücksichtigt werden, dann erhöht dies das Risiko, dass die Teilnahme für einzelne Personen eine unangenehme (belastende, isolierende, verletzende, beschämende, grenz-überschreitende, entwürdigende, gewaltvolle, beängstigende oder überfordernde) Erfahrung wird.
Beispiele, bei denen potenziell Grundbedürfnisse verletzt werden könnten...
Gemeinsames duschen
Geschlechterdurchmischt schlafen in Massenschlag
Erwartungsdruck, Alkohol zu konsumieren
Gruselgeschichten
Nachtübungen
Überraschungen und unangekündigte Programmpunkte
Taufe von neuen Leitungspersonen
“Entführungen” oder ausgesetzt werden im Sommerlager
Demütigungen, sich lustig machen
Massieren, körperbetonte Aktivitäten
Abwertende Spitznamen
Inhalte auf Social Media
Die oben genannten Beispiele werden selbstverständlich von Person zu Person unterschiedlich erlebt. Das Erleben von solchen Situationen hängt von der Vorgeschichte und von der Persönlichkeit einer Person ab (z.B. ob sie eher ängstlich oder eher risikofreudig ist, oder ob sie schon früher Gewalt erlebt hat). Nicht alle Menschen sind in der Lage, ihr Unwohlsein innerhalb einer Gruppe offen mitzuteilen oder Stopp zu sagen.
Wie ihr euch im Scharalltag auf psychologische Grundbedürfnisse achtet
Wenn du in deiner Jubla-Schar auf die psychologischen Grundbedürfnisse achten möchtest, gibt es ganz viele Handlungsmöglichkeiten, die ihr beachten könnt:
Seid fortlaufend im Austausch miteinander, wie es euch in der Jubla geht
Holt beieinander regelmässig Feedback ein
Bietet bei heikleren Blöcken allenfalls ein Parallel-Programm an
Baut regelmässig Pausen in das Programm ein
Kreiert Ruheräume, wohin man sich bei Bedarf zurückziehen kann
Definiert Vertrauenspersonen, bei denen man sich melden kann
Übt euch in einer toleranten Haltung gegenüber unterschiedlichen Bedürfnissen von Einzelnen – Bedürfnisse von Einzelnen dürfen von der Gruppen-Norm abweichen
Seid euch bewusst, dass ihr insbesondere für Jüngere eine Vorbild-Funktion habt mit eurem Verhalten. Gehe so mit deinem Gegenüber um, wie du es dir auch von deinem Gegenüber wünschst.
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